Inklusion und Selbstbestimmung in Tunesien – Am Beispiel der Imazighen und Menschen mit Behinderung

Die Geschichte der Imazighen, die heute in Nordafrika (von Mali und Mauretanien bis Ägypten) leben, ist geprägt von der Vorherrschaft anderer Völker in ihrer Heimat – zunächst der Römer, dann der Araber und später der Franzosen und Italiener. Als „freie Menschen“ – so lässt sich der Begriff „Imazighen“ übersetzen – hätten sie sich jedoch zumeist für die Nicht-Anpassung und den Rückzug in die Gebirgsregionen entschieden, um im Kreis der Familie ihre Kultur zu pflegen und der Unterdrückung durch die Fremdherrscher zu entgehen. Auch Tätowierungen waren eine Form der Bewahrung ihrer Tradition: Die Zeichen und Ornamente, die häufig die Handrücken der Frauen und Männer schmücken, geben Auskunft über Stammeszugehörigkeit und Religion und galten unter muslimischer Herrschaft als verboten. Heute wählt die Jugend andere Mittel, um ihre Identifikation auszudrücken und sich gegen Diskriminierung zu wehren. Im Film werden junge Männer gezeigt, die sich mit Rapmusik Gehör bei der eigenen Community und der breiten Gesellschaft verschaffen.

In der anschließenden Diskussion zum Thema Selbstbestimmung und Inklusion in Tunesien gaben Ulrich Delius (Afrika-Referent der Gesellschaft für bedrohte Völker e.V.) und Bernadette Smyrek-Ouertani (Vorstandsvorsitzende von Atrium e.V.) Einblicke in die aktuelle sozio-politische Lage und die Perspektiven von Minderheiten des Landes. Hierbei standen sowohl die ethnische Minderheit der Imazighen als auch Menschen mit Behinderungen im Vordergrund.

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Ulrich Delius verdeutlichte, dass gerade in der jungen Generation neuer Stolz auf die Herkunft und kulturelle Identität wächst. Dank der Transformation und den dadurch geschaffenen Möglichkeiten der Artikulation und Selbstbestimmung konnte die Jugend die Scham der Elterngeneration überwinden und Interessensgruppen bilden, die sich für eine Anerkennung einsetzen. Eine der wichtigsten Forderungen sei die sprachwissenschaftliche, soziologische und völkerkundliche Dokumentation der indigenen Bevölkerung Tunesiens. Aber in der Öffentlichkeit und Wissenschaft erfuhr die Ethnie bisher nur wenig Beachtung, so Delius, obwohl sie gerade in den Unabhängigkeitsbestrebungen der nordafrikanischen Länder eine wichtige Rolle spielte. Auch fünf Jahre nach der Transformation können Kinder von Imazighen keine „Berber“-Namen tragen und auch im Schulsystem sowie im kulturellen Leben und in den Medien findet die Jahrtausende alte Sprache, Kultur und Geschichte der Imazighen kaum Aufmerksamkeit, so Delius weiter und ist dennoch positiv gestimmt. „Azul“ sei bereits der vierte Film zu dem Thema und die Aufmerksamkeit wachse.

Bernadette Smyrek-Ouertani beschrieb die Entwicklung der Förderung von Blinden und Sehgeschädigten in Tunesien seit der Unabhängigkeit des Landes. Gleich nach der Unabhängigkeit Tunesiens 1956 wurde das Bildungssystem und die Förderung der Behinderten etabliert. Überwiegend aus dem Haushaltsbudget des Bildungs- und Sozialministeriums wurden Schulen und soziale Einrichtungen für Behinderte alimentiert. Es wurde ein Verband für Blinde und Sehbehinderte gegründet, der sich für die Belange der Betroffenen einsetzte und Arbeitsplätze für Blinde und Sehbehinderte geschaffen: die überwiegende Zahl im Bereich der Physiotherapie oder in der Telefonvermittlung.

 

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